Slow Travelling

 
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Reisezeit: 15 Stunden

Wenn ich dieses Detail meines Urlaubs als erstes erzähle, könnte man denken, dass ich die letzten zwei Wochen in Südostasien oder vielleicht Südamerika verbracht habe. Stattdessen war ich in Slowenien, einem kleinen Land direkt südlich von Österreich. Mit dem Flugzeug wäre ich in 1 1/2 Stunden von Berlin aus dort gewesen. Aus irgendeinem Grund fand ich die Vorstellung reizvoller, langsam zu reisen. Passend dazu hatte ich das Buch “slow travel” von Dan Kieran im Gepäck - bitte lest es selbst, es ist großartig!

Zeit und Geschwindigkeit - wahrscheinlich habe ich mich intuitiv zum langsamen Reisen entschieden, weil mein Jahr bisher ziemlich turbulent war: der zweite Umzug in 12 Monaten, die Coaching-Ausbildung, ein tolles aber anstrengendes Projekt in meinem Job als Innenarchitektin, die Parzelle43, erste Coachings, die Entwicklung der HAPPYGOLUCKY website - so viele interessante aber auch anstregende Projekte und am liebsten würde ich alles gleichzeitig und ganz schnell “fertig machen”. Alles natürlich zwischendurch durcheinandergewirbelt von der Frage: Bin ich eigentlich auf dem richtigen Weg? oder: Setze ich meine Zeit und meine Kräft eigentlich sinnvoll ein? oder: Werde ich jemals erfolgreich sein?

Am Tag vor meiner Abreise hab ich mich mit Katrin, meinem “Accountabilibuddy”, getroffen und meine Zweifel und Erschöpfung lagen schneller auf dem Kaffeetisch als der Kuchen. Irgendwie sind wir beim Thema Erfolg gelandet und meine Urlaubsaufgabe (es war tatsächlich die einzige “Aufgabe”, die ich mitgenommen habe) bestand darin, meine Erfolge der letzten Jahre aufzuschreiben, zu feiern und für mich zu definieren, was Erfolg überhaupt bedeutet. In unserem Gespräch war ich selbst überrascht darüber, dass ich den Erfolg meiner beiden “Nebenjobs” offensichtlich daran messen, ob und wieviel Geld ich damit verdiene. Aber nicht nur den Erfolg definiere ich über den Gewinn, sondern anscheinend auch meine berufliche Legitimation. Ich bin Innenarchitektin - das kann ich gut laut sagen, damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt und darin habe ich ein Diplom - ne ganz sichere Nummer, kein Risiko, da kann keiner kritisch die Augenbraue heben. Ich bin Coach - mhhhh, geht noch nicht so gut… (glaubt mir, ich hab beim Schreiben der Texte für diese website auch wirklich keine leichte Zeit gehabt!) Ok, ich habe ein Zertifikat und schon einige Coachings gemacht, aber ganz ehrlich fühl ich mich noch ein bisschen wie ein Angeber, wenn ich das laut ausspreche. Ich bin Unternehmerin - hahaha, das steht noch in meiner Liste mit den Zielen für die nächsten 5 Jahre. Eigentlich sollte ich aber spätestens beim Brüten über der letzten Steuererklärung begriffen haben, dass ich das längst bin. Ich bin Produktdesignerin - auch das traue ich mich kaum zu sagen, aber auch das bin ich seit wir unser Label Parzelle43 aus der Gartenerde gehoben haben.

Zeit - Geld - Erfolg - Mut - Spaß am Leben - all diese Themen sind mir also wild und bunt wie kleine Schmetterlinge durch den Kopf geflattert während ich um Bergseen herum zu Wasserfällen und sonnigen Almen gewandert bin. Zur Pilzsuppe mit Pommes bekam ich gratis immer auch die Frage serviert: Was soll ich eigentlich tun und wer will ich eigentlich sein?

Wenn nicht alleine im Urlaub, wann soll man denn dann das große Fass der Lebensfragen bitte aufmachen? Und nein, ganz angenehm ist das nicht, diese Fragezeichen mit im Gepäck rumzutragen. Aber ich möchte mir diese Fragen im Leben lieber einmal zu oft stellen, als einmal zu wenig. Die große Erkenntnis ließ aber trotz viel schöner Natur, weitem Blick in die Ferne und viel Ruhe leider auf sich warten. Insgeheim hatte ich mir da ehrlich gesagt mehr erhofft... Sehr schön war es trotzdem! Nach einer Woche hat dann die Gesellschaft meines Bruders dafür gesorgt, dass die großen Fragen des Lebens den eher pragmatischen Platz gemacht haben: Kremschnitte oder Pommes? Bergsee oder Meer? Sind dicke Kopfkissen besser als dünne? (Chris, ich war dafür sehr dankbar und schlafe gerne wieder mit dem Kopf in Matratzennähe!)

Genauso dankbar war ich für einen Buchtipp, über den ich kurz vor meiner Rückreise im tollen brainpickings newsletter gestolpert bin. Elizabeth Gilbert hat ein neues Buch über das kreative Leben geschrieben und damit die ideale Reisebegleitung für meine Rückfahrt in die Buchläden gebracht: "Big Magic".  (Der Untertitel im englischen Original lautet: "creative living beyond fear" - und wie bei einigen guten Filmen solle man sich auch hier von der schlimmen Übersetzung des Titels ins deutsche nicht abschrecken lassen...)

“Vielleicht verbringst du dein gesamtes Leben damit, deiner Neugier zu folgen, und hast am Ende nichts vorzuweisen - außer einer Sache. Du wirst Genugtuung darüber verspüren, dass du dein ganzes Leben in Hingabe an die edle Tugend der Wissbegierde verbracht hast.”

(Elizabeth Gilbert, Big Magic)

Neben vielen anderen tollen Sätzen habe ich diesen gelesen und fühlte mich zum ersten Mal seit langem innerlich befreit. Wenn genau das reicht, (und ja, es fühlt sich so an, als ob das eine bessere Definiton von Erfolg sein könnte als eine, die mit Geld zu tun hat) dann kann ich endlich aufhören, mich selbst zu hetzen und unter Druck zu setzen! Unfassbar, welch großartiger Gedanke! Vielleicht schaffe ich es, dass mein Leben sich anfühlt wie meine Reise nach Slowienien. Ja, es war anstrengend, und ja, zwischendurch fühlt man sich nicht so toll aber ich hatte Freude an der Fahrt, es ging nicht nur ums Ankommen.

Ich möchte, dass genau dieses Reisegefühl mein Leben im Alltag begleitet. Langsam reisen, die Fahrt genießen, nicht immer dem Ziel hinterher hechten und die meiste Zeit wünschen, dass die Reise dorthin möglichst schnell vorbei ist. Das bringt nämlich keine Freude. Und ohne Freude, was soll das alles dann? (und ganz nebenbei: ich bin ja angekommen und das Ziel fühlte sich exotischer und aufregender an gerade weil die Entfernung von zu Hause so spürbar war).