Menschen, die mein Leben inspirieren… (Teil01)

 
 

Camilla Bunt, meine Dozentin am Surrey Institute of Art & Design in Farnham, England.
 

Es gibt zwei Geschichten, die ich mit Camilla verbinde und die der Grund sind, warum sie mir als erstes einfällt, wenn ich über meine Vorbilder oder Menschen, die mein Leben inspirieren, nachdenke:

#01: Sie hat vor ungefähr 16 Jahren in einer meiner ersten Vorlesungen während der Einführungswoche einen Satz gesagt, der mir seitdem in regelmäßigen Abständen wieder in den Sinn kommt: DESIGNING IS AGONY!
 

Designing is WHAT? AGONY? Das steht in sehr starkem Kontrast zu der Reaktion, die man bekommt, wenn Andere nach dem Studienfach oder Beruf fragen und man sagt: “Innenarchitektin”. Normalerweise passiert dann etwas in der Art: “Oh, das ist aber schön! Das wollte ich auch immer machen…” Was Kreatives, mit Farben und Stoffen und Möbeln und Collagen und bunten Plänen und so… Im Grunde ein Traum und es sollte immer schön und einfach und fast wie von selbst gehen…

Mhhhh, tut es aber nicht! Also, nicht immer und auf keinen Fall die ganze Zeit. Ganz egal um welches kreative Projekt es geht: es gibt immer mindestens einen Punkt, an dem es nicht weiter geht. Man steckt fest, zweifelt an Allem: an sich, am eigenen Talent, daran, dass jemals etwas Gutes dabei herauskommen wird und so weiter. Man möchte eigentlich nur aufhören und weinen und Alles in den Papierkorb (real oder virtuell) werfen. Meistens zeigt man seine Verzweiflung nicht ganz so offen, aber innerlich gibt es nur zwei Dinge: Zweifel und Angst. In anderen Worten: Agony!

Wenn ich mich mal wieder an diesem wirklich ungemütlichen Punkt befinde, und das kann sein, wenn ich an einem Entwurfsplan für einen Innenarchitekturprojekt sitze oder an einem Text für meine Website oder an einer Glückwunschkarte zum Geburtstag und zum zehnten Mal von vorne anfange, weil ich mit Nichts zufrieden bin, was ich bisher entworfen, gezeichnet oder geschrieben habe, dann kommt mir plötzlich wieder der Satz von Camilla in den Sinn: Designing is Agony. Das ist so richtig und gleichzeitig klingt es so überzogen, an dem Punkt muss ich über mich selber lachen und alles ist wieder gut.

Warum? Weil mir in dem Moment klar wird, dass das Gefühl der Verzweiflung und die Qual ganz normal ist und einfach Teil eines jeden kreativen Prozesses. Es gibt immer einen Punkt, an dem nichts von alleine geht und es nicht um Inspiration oder Talent oder Flow geht. Da gibt nur eins zu tun: hinsetzen und weitermachen. Probieren, Experimentieren, Dinge hin- und herschieben, Abstand nehmen, Pause machen, mit jemandem darüber reden, eine Nacht drüber schlafen und dann irgendwann kommt alles zusammen und wird wieder einfach!

Die Arbeit an einem kreativen Projekt ist zum Teil wunderschön und macht unglaublich viel Spaß und zum anderen Teil ist es Qual und einfach harte Arbeit. Das erste erwartetet und hofft man meistens, das zweite verdrängt oder vergisst man lieber. Aber meistens gehört beides zusammen. Daran erinnert mich der Satz und das hilft jedes Mal…

#02: Sie hat in jedem Entwurfs-Ansatz, auch wenn er mir noch so winzig, unausgereift, manchmal lieblos erschien, den interessanten Kern und eine gute Idee gesehen.
 

Jeder von uns Studenten ist aus den wöchentlichen Entwurfs-Besprechungen super motiviert herausgegangen mit dem Gefühl, dass er oder sie auf einem guten Weg ist und weiß, in welche Richtung es weiter gehen kann.

Camilla hat einem nie das, was noch nicht gut war oder das, was noch fehlte, kritisch vor die Füße geworfen. Sie hat immer ganz wertschätzend das betrachtet, was man schon erarbeitet hatte und jeden einzelnen ihrer Studenten so motiviert, daran weiter zu arbeiten, auch wenn man vorher überhaupt nicht zufrieden mit sich und der eigenen Arbeit war. Das hat mich immer sehr fasziniert.

Camilla Bunt hat also den ersten Platz auf meiner Vorbild-Liste sicher, weil sie mir einen Erste-Hilfe-Satz für schwierige Situationen mitgegeben hat und eine Haltung, die ich bewundere und die ich in der Zusammenarbeit mit Anderen auch an den Tag legen möchte.

Erinnerst du dich an einen Lehrer, eine Lehrerin oder einen Dozenten, eine Dozentin, die dich und dein Leben inspirieren?